Grundsätzlich überrascht es nicht, dass in Deutschland (noch) ein sehr gemischtes Stimmungsbild herrscht. Das Potenzial für die E-Mobilität hierzulande ist durchaus vorhanden. Das zeigt der aktuelle EV-Index des Analystenhauses SBD Automotive und HERE Technologies. Der Index, der nun bereits in der dritten Auflage erscheint, bewertet 30 europäische Länder anhand von vier Schlüsselindikatoren: Dichte der Ladestationen, durchschnittliche Ladeleistung, Anteil der Elektrofahrzeuge am Gesamtfahrzeugbestand und Verhältnis von Ladestationen zu Elektrofahrzeugen.
Im Gesamtranking ist Deutschland zwar von Platz fünf auf Platz sechs gefallen (Spitzenreiter ist Norwegen vor Luxemburg, Dänemark und den Niederlanden), dennoch zeigen die Deutschen eine vergleichsweise hohe Bereitschaft, auf Elektromobilität umzusteigen.
Zusätzlich zum Index hat SBD Automotive eine Umfrage unter rund 1.000 Autofahrer:innen in Frankreich, Deutschland, Spanien, Italien und Großbritannien durchgeführt. Damit wollen die Automotive-Spezialisten besser verstehen, wie die Menschen das tägliche Pendeln erleben, welche Hindernisse und Motivationen sie bei der Einführung von Elektrofahrzeugen haben und wie sie die Ladeinfrastruktur erleben.
Im internationalen Vergleich sticht Deutschland hier mit dem höchsten Anteil an Befragten hervor, die angeben, dass sie sich bei ihrem nächsten Fahrzeug höchstwahrscheinlich für ein Elektrofahrzeug entscheiden würden (25 Prozent). Das Wachstumspotenzial ist also durchaus vorhanden.
Der Ausbau der Infrastruktur
Das Wachstum findet jedoch langsam statt: Nur etwa jedes 170. Fahrzeug wurde seit dem letzten SBD-HERE-Index 2024 durch ein Elektrofahrzeug ersetzt. Der Index zeigt gleichzeitig, dass Deutschland einen robusten Ausbau der Infrastruktur vorweisen kann. Die öffentliche Wahrnehmung ist jedoch eine andere. In der Umfrage nennen 49 Prozent der deutschen Befragten die begrenzte Verfügbarkeit von Ladestationen als Hindernis.
Die Zahlen bestätigen diesen Vorbehalt nicht. Laut der Bundesnetzagentur, die für die Umsetzung der Ladesäulenverordnung zuständig ist, gibt es in Deutschland zum Stichtag 1. August 2025 175.141 Ladepunkte. Das ist ein Zuwachs von 16 Prozent, verglichen mit 2024. Davon sind 42.147 Schnelladepunkte. Hier besteht sicher noch Nachholbedarf in Sachen Ausbau der Schnellladeinfrastruktur. Dennoch hat sich die gesamte Ladeleistung von 5.451.316 Kilowatt um 29 Prozent auf 7.012.379 kW erhöht. Das bevölkerungsreichste Bundesland, Nordrhein-Westfalen, verfügt mit 34.036 deutschlandweit über die meisten Ladepunkte und konnte die Anzahl über ein Jahr um 19 Prozent steigern. Auf Platz zwei liegt Bayern. Im Freistaat gibt es 33.909 Ladepunkte, ein Plus von 14 Prozent, verglichen mit 2024. Neben den öffentlichen Ladepunkten kommen private Wallboxen als Ladestationen hinzu. Dadurch ergibt sich eine nochmal deutlich dichtere Ladeinfrastruktur.
Vorsprung durch Technik
Neben der Ladeinfrastruktur sehen viele Menschen die Fahrzeugtechnologie kritisch. Die Hälfte der Deutschen meint, die Reichweite von Elektrofahrzeugen sei zu gering, 37 Prozent führen den hohen Kaufpreis als Argument ins Feld. Auch hier lohnt ein Blick auf die Zahlen. Laut der Umfrage erwarten die Deutschen bei einem Elektrofahrzeug eine Reichweite von 466 Kilometern. Obwohl die Reichweiten je nach Modell natürlich stark variieren, zeigt sich bei aktuellen Tests des ADAC, dass viele derzeit erhältliche E-Fahrzeuge über alle Segmente hinweg diese Erwartung erfüllen. Der Spitzenwert liegt bei einer Reichweite von 610 Kilometern. Gleichzeitig gibt es auch Fahrzeuge, die deutlich darunter liegen, vor allem im Kleinwagensegment.
Die Skepsis gegenüber der Reichweite von Elektrofahrzeugen ist also eher unbegründet. Trotzdem hat sich eine gewisse Reichweitenangst etabliert, die es bei Verbrennern so nicht gibt. Um die Vorbehalte zu nehmen, stellen Hersteller ihren Kund:innen bereits Tools zur Verfügung, mit denen sie Transparenz zur tatsächlichen Reichweite und den Lademöglichkeiten auf ihrer Strecke erhalten. Ein zentraler Bestandteil ist das Navigationssystem, das einen reichweitenoptimierten Streckenverlauf anzeigen kann, die idealen Ladesäulen findet und sich sogar das individuelle Fahrverhalten merkt, um das Optimum an Reichweite herausrauszuholen, zum Beispiel mit Hilfe der Routing-Lösungen und Datenbanken für Ladestationen von HERE.
Kleine Schritte und Aufklärungsarbeit
Elektromobilität bleibt in Deutschland ein Thema, das mit vielen Vorurteilen, Missverständnissen und Halbwissen behaftet ist. Dabei wird alles schrittweise besser: Ladeinfrastruktur, Reichweite, Preise und Zulassungszahlen. In Sachen Total Cost of Ownership und Nachhaltigkeit hat die Elektromobilität den Verbrenner faktisch bereits abgehängt. Eine der größten Herausforderungen bleibt also vor allem die Aufklärungsarbeit.